#FEHLERausradieren: Was haben Marathons und Leadership-Coachings gemeinsam?

Dass Fehler erst in der Retrospektive als solche erkennbar sind, davon ist Anke von Platen, die internationale Manager und Führungskräfte coacht, überzeugt. Wie ihr #FEHLERausradieren sowie #BESSERwerden gelungen sind und welche Parallelen es bei der Vorbereitung von Marathons und Leadership-Coachings gibt, verrät sie im Interview.


Parallelen zwischen Marathons und Leadership-Coachings | Haufe Group
© Anke von Platen

Frau von Platen, als Alleinunternehmerin hat Sie der Ausbruch der COVID-19-Pandemie vor eine große Herausforderung gestellt. Sie mussten schnell reagieren, um Ihr Business am Leben zu halten. Gibt es rückblickend Entscheidungen, die Sie mit dem Wissen von heute besser nicht oder anders getroffen hätten?

Ja, die gibt es durchaus. Aus einem ersten Impuls heraus habe ich selbst an einem Coaching-Programm teilgenommen. Mein Kalender war leer, alle Termine waren von heute auf morgen weggebrochen. Ich hatte viel Zeit, über mein Geschäftsmodell und mein Portfolio nachzudenken. Da kam mir dieses Angebot gerade recht. Rückblickend musste ich erkennen, dass der Vertriebler damals einen wunden Punkt bei mir getroffen hat. Ich hatte nichts zu verlieren und habe zugesagt. Heute würde ich das nicht mehr machen.

Warum nicht?

Nun ja, das Training hat mich auf eine unternehmerisch falsche Fährte geführt. Als Prozessbegleiterin und Führungskräfte-Coach ist es mir wichtig, auf die individuellen Anforderungen meiner Klienten einzugehen. Das ist mein USP, darin bin ich richtig gut. Im Seminar hat man mir geraten, mein Angebot zu standardisieren, um es besser verkaufen zu können. Ich habe das in der Tat versucht – und bin damit auf die Nase gefallen. Mein Learning: Bei mir gibt es nichts von der Stange. Individuelle Konzepte sind das, was für mich und meine Kunden viel besser funktioniert. Ein zweites Learning: Ich lasse mich nicht mehr bequatschen, ich höre auf mein Bauchgefühl.

Wie lange hat es bis zu dieser Erkenntnis gedauert?

Im Grunde hatte ich von Beginn an ein flaues Gefühl im Magen. Dennoch habe ich zunächst an meinem Plan, das Seminar zu beenden, festgehalten. Ich bin nicht wankelmütig, als Marathon-Läuferin ziehe ich die Dinge durch. Dennoch habe ich schnell gemerkt, dass das Programm nichts für mich ist. Ich konnte anfangs nur On-Demand-Videos anschauen, die nicht auf meine persönliche Situation und den B2B-Markt zugeschnitten waren. Und als ich dann endlich die Gelegenheit hatte, mit einem Coach zu sprechen, konnte er meine Fragen über den B2B-Coaching-Markt in Organisationen nicht beantworten. Da wurde mir klar, dass ich einen Schlussstrich ziehen muss, weil mir das Seminar keinen Mehrwert bietet. In Summe war ich vier Wochen dabei.

Was machen Sie seitdem anders?

Mir ist bewusst geworden, dass Fehler erst in der Retrospektive begreifbar werden, sie passieren zumeist nicht bewusst. Und dennoch lernt man sehr viel aus ihnen. Ich habe mich und mein Business zum Beispiel einer kritischen Selbstreflexion unterzogen und herausgearbeitet, was ich kann, was ich will und was mir Spaß macht: Ich kenne mich mit der Entwicklung und Optimierung von Prozessen aus, ich möchte Führungskräfte und Manager aus dem oberen C-Level coachen und ich arbeite gern international. Nachdem ich mir das verdeutlicht und meine Ziele definiert hatte, war es ganz leicht, eine neue Haltung gegenüber meinem Job einzunehmen. Heute weiß ich ganz genau, mit wem und für wen ich arbeiten möchte. Das erlaubt mir, sehr bedarfsgerecht auf meine Kunden einzugehen und meine Leistungen schlussendlich besser anzubieten – gerade, weil sie nicht standardisiert sind. Ich habe meine Spezialisierung weiterentwickelt und darin einen neuen Markt für mich und meine Dienstleistung erschlossen: Ich begleite Veränderungsprozesse in Unternehmen. Ich helfe Unternehmen dabei, im Team besser zu werden, und unterstütze sie, ihre Unternehmensstrategie ganzheitlich und an den Bedürfnissen der Mitarbeitenden umzusetzen.

Sie arbeiten viel mit Top-Managern zusammen. Gibt es denn verallgemeinerbare Fehler, die Unternehmen immer wieder machen?

Ein Fehler ist, dass in Unternehmen nur selten über die Art und Weise der Zusammenarbeit gesprochen wird. Dabei meine ich nicht die fachlichen Aspekte, sondern das Zwischenmenschliche. Es ist doch so: Wir wissen viel zu wenig voneinander. Wie tickt der Kollege? Wo steht er beruflich gerade? Wie geht er – aus dieser Situation heraus – mit der neuen Unternehmensstrategie um? Haben alle Teammitglieder dasselbe Verständnis von der Strategie und agilen Prozessen? Ohne das Wissen um die Befindlichkeiten unserer Kolleginnen und Kollegen entstehen Missverständnisse oder sogar Konflikte sehr viel schneller. Darum ist es wichtig, sich Zeit zu nehmen für einen ordentlichen Austausch und zu definieren: Wie wollen wir zusammenarbeiten? Was braucht der Einzelne? Was und wie kann er dazu beitragen, eine bestimmte strategische Vorgabe umzusetzen?

Weiterhin beobachte ich, dass oftmals keine Zeit zum Durchatmen und Reflektieren bleibt. Die Kalender sind vollgestopft, ein Termin jagt den nächsten. Von meinen Klienten erhalte ich häufig das Feedback, dass ihnen die Coachings und Workshops die Zeit gegeben haben, Wichtiges zu beleuchten, Dinge zu durchdenken und sie für sich selbst zu klären. Das mache es dann sehr viel leichter, überhaupt eine Haltung zu einem Thema zu entwickeln und eine bestimmte Strategie umzusetzen. Ein weiterer Fehler ist, auf Teufel komm raus agil sein zu wollen. Von heute auf morgen vollständig agil zu arbeiten – das gelingt üblicherweise nicht. Muss es aber auch nicht. Vielleicht genügt es für den Anfang, ein Silo aufzubrechen. Nicht jeder braucht sofort ein Kanban-Board. Schritt für Schritt vorzugehen, führt meist schneller zum Ziel.

Apropos Schritte. Sie sind begeisterte Marathon-Läuferin. Gibt es sportliche Erfahrungen oder gar Rückschläge, die Sie auf das Berufliche übertragen können?

Eine meiner schmerzlichsten sportlichen Erfahrungen war der Rotterdam-Marathon 2019. Was damals passiert ist, hat sehr viele Parallelen zum Job. Ich hatte mich akribisch vorbereitet. Ich habe mich gut ernährt, keinen Alkohol getrunken, meinen Trainingsplan minutiös eingehalten und passende Podcasts gehört. Trotz perfekter Vorbereitung ging der Marathon in die Hose. Ich war zu schnell losgelaufen und nach 20 Kilometern völlig platt. Auf der zweiten Hälfte hatte ich dann viel Zeit zum Nachdenken: Aussteigen oder weiterlaufen? Was ist wirklich wichtig? Ist es immer die Bestleistung? Dabei ist mir bewusst geworden, dass ich viel zu verkrampft an die Sache herangegangen bin. Ich habe mich bei der Vorbereitung bereits verausgabt. Und da hat es Klick gemacht. Das war mir auch im Job schon passiert. Aus Angst, die Kontrolle zu verlieren, habe ich jegliche Situationen im Voraus durchdacht und war perfekt vorbereitet. Mit dem Ergebnis, dass ich am Beginn eines Workshops schon müde war. Daraufhin habe ich meine innere Haltung verändert: Vorbereitung ja, aber mit Maß. Entspannter sein. Spaß an dem haben, was man tut. Und bewusst bei der Sache sein – ob im Sport oder im Beruf.

Ist es Ihnen gelungen, diese neue Haltung nachhaltig umzusetzen?

Ich sage es mal so: Ich hatte im selben Jahr ein weiteres Marathon-Erlebnis, das mich bis heute prägt. Nach 32 Kilometern habe ich wieder mit mir selbst gehadert. Das war der Punkt, an dem ich mich aktiv dazu entschieden habe, fröhlich und dankbar zu sein, dass ich überhaupt in der Lage bin, einen Marathon zu bewältigen. So konnte ich die restliche Strecke tatsächlich genießen. Zugleich habe ich ganz bewusst meine Laufhaltung verbessert. Ich mache mich groß, laufe mit dem Herzen nach vorne und mache kleinere Schritte. Diese neu gewonnene Haltung – sowohl innerlich als auch äußerlich – hat mein eigenes Selbstverständnis grundlegend verändert: Mit der richtigen Haltung kann mir nichts passieren. Dann läuft es sportlich und auch beruflich. Mit der Zeit haben sich aus diesen Erfahrungen drei Pfeiler für meine allgemeine und berufliche Haltung herauskristallisiert:

  1. Ich agiere selbst- und mitverantwortlich. Und ich hinterfrage immer wieder, was ich aus eigener Kraft tun und schaffen kann.
  2. Ich bin menschlich und offen. Ich lasse mich von meinen Gedanken und Gefühlen leiten und kommuniziere diese. Zugleich kenne ich meine inneren Grenzen – und sage auch mal „Halt, Stopp!“
  3. Ich gehe in kleinen Schritten voran. Ich bereite für meine Coachings Ziele vor und bin zugleich offen für mein Gegenüber.

Seitdem ich mich innerhalb dieser Leitplanken bewege, bin ich einerseits entspannter. Andererseits erreiche ich meine Ziele sehr viel besser – seien sie beruflicher oder sportlicher Natur.

Frau von Platen, wir danken Ihnen sehr, dass Sie Ihre Gedanken mit uns geteilt haben!

Anke von Platen ist Leadership-Coach, Prozessbegleiterin (Theorie U) sowie Autorin mit Herz und Verstand. Seit 2008, nach zehn Jahren im Marketing- und Projektmanagement, unter anderem für Marken wie Hipp Babynahrung und Mercedes-Benz UK, unterstützt sie Menschen in Organisationen dabei, ihre Führung und Zusammenarbeit auf die nächste Stufe zu heben. Sie begeistert sich dafür, die Buzzwords Haltung, Führung und Zusammenarbeit immer tiefer zu begreifen, sie in einfache sowie wirksame Bilder zu übersetzen, um sie dann in der Zusammenarbeit mit Kunden, wie etwa den Vorstands- und Führungsteams bei Bahlsen, der MöllerGroup und bei PhoenixContact, gemeinsam und kreativ weiterzuentwickeln. Ihre Erfahrungen und Learnings fasst sie regelmäßig in Büchern zusammen. Aktuell ist das Buch Führung mit Haltung im Haufe Verlag erschienen. Ihre eigene Haltung reflektiert sie als begeisterte Marathon-Läuferin am liebsten bei langen Läufen in der Natur.

Möglichkeit zur Vernetzung:
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Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung der Sprachformen männlich, weiblich und divers verzichtet.
Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichermaßen für alle Geschlechter.

Bernd Junker
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